Chaos & Kosmos

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Wenn wir aus unserer langverschollenen Vergangenheit zu lernen versuchen, was wir sind, so können wir damit auch einen gewissen Einblick in unsere Zukunft gewinnen.

Richard E.Leakey, Roger Lewin: Wie der Mensch zum Menschen wurde
 
 
 

12. Synopsis der Evolution

12.1 Quo Vadis Evolutio ?

Häufig wird besonders von jungen Menschen gefragt, ob die Resultate der Erforschung der Selbstorganisation und Evolution in irgend einer Weise weiterhelfen können, um Auswege aus heute sichtbaren Sackgassen zu finden und gangbare Wege zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft der Menschheit zu weisen. Wie geht es weiter mit der Evolution auf unserem Erdball? Quo Vadis Evolutio? Schon mehrfach wurde den Autoren dieses Buch in Diskussionen mit jungen Menschen vorgehalten, alle vernünftigen Wege in die Zukunft seien doch schon irreversibel verbaut, man treibe nur noch in einen bereits sichtbaren Untergang. Dem ist entgegenzuhalten, daß die Evolution von einmaliger Erfindungskraft ist. Die Evolution hat sich schon millionen Male in scheinbar aussichtslosen Situationen befunden und immer wieder herausgefunden. Dafür, daß sie auch diesmal herausfindet, gibt es keine Garantie, wohl aber berechtigte Hoffnung, wenn die Menschheit zum vernünftigen Verhalten zurückfindet und nicht gegensteuert. Ein schönes Beispiel für die Überlebensfähigkeit evolutionsfähiger Wesen ist die Ausbildung von Kiemen und Lungen durch die Wirbeltiere. Wie kam es dazu, daß Lebewesen solche komplizierten, eigentlich doch recht unhandlichen Gebilde entwickelten? Vor etwa 2-3 Milliarden Jahren war die Erde von einer reduzierenden Atmosphäre umgeben, in der Sauerstoff nur in oxidischer Form vorkam. Die seinerzeit schon existierenden Mikrobionten standen in einem harten Überlebenskampf, denn Nahrung in Form spontan entstandener organischer Stoffe wurde sehr knapp. Da verfielen einige besonders "erfinderische" Mikrobionten auf den Ausweg, direkt auf die Primärquelle wertvoller Energie, die Sonnenstrahlung zurückzugreifen. Die Photosynthese wurde "erfunden". Es kam zur Entstehung der Pflanzen und der Heterotrophie. Ein Teil der Lebewesen lebte nach dem neuen System, andere blieben noch beim alten System und eine dritte Klasse lebte parasitär. Die pflanzlichen Systeme produzierten durch Photosynthese fleißig Sauerstoff, der sich in der Atmosphäre immer mehr anreicherte, die Gashülle der Erde nahm oxidierenden Charakter an. Nun war Sauerstoff allerdings fnr die nicht-pflanzlichen Lebewesen ein tödliches Gas. Sie gerieten von einer ihnen freundlichen Umwelt durch das "egoistische" Wirken ihrer pflanzlichen Zeitgenossen in eine kontaminierte und schließlich absolut tödliche Umwelt. Es gab nur einen Ausweg aus dieser Sackgasse, durch Selbstorganisation paßten sich die bedrohten Lebewesen an die "Verschmutzung" ihrer Umwelt an. Ein besonders erfinderischer Teil von ihnen bildete Kiemen und Lungen aus, die ein Überleben in der neuen Umwelt sicherten. Die Menschen stammen von diesen schöpferischen Lebewesen ab. Unser Beispiel zeigt die Schlüsselrolle der Selbstorganisation im Evolutionsprozeß.

Eine moderne Variante der obigen Geschichte könnte etwa folgendermaßen lauten: Etwa 3- 4 Milliarden Jahre nach der Entstehung des Lebens auf der Erde wurde als Folge des hypertrophen Wachstums erneut wertvolle Energie sehr knapp. Da verfiel die besonders "erfinderische Spezies M." auf den Ausweg, die durch Photosynthese angehäuften Vorräte wertvoller Energie in Form von Kohle sowie andere Energievorräte der Erde anzugreifen und in großem Stile zu nutzen. Das Wachstum der Spezies M. und ihrer technischen Umgebung explodierte und Übertraf in kürzester Zeit alles bisher Dagewesene. Die rücksichtslose Ausbeutung der durch andere Spezies (die Pflanzen) in Milliarden von Jahren angelegten Energiereserven führte jedoch in eine neue globale Krise. Durch unkontrollierte Ausbeutung aller Ressourcen, die Einschränkung der Existenzmöglichkeiten der anderen Spezies und besonders die Verschmutzung der Umwelt mit Kohlendioxid und Abfällen brachte die "erfinderische Spezies M." alle Lebewesen der Erde in eine existenzielle Gefahr. Ein besonders Problem waren die "Scheren" im Verbrauch wertvoller Energie und verfügbarer Rohstoffe, die innerhalb der Spezies M. aufgebaut wurden. Weniger als ein Fünftel der Repräsentanten dieser Spezies, in Ländern lebend, die sich "hochentwickelt" nannten, hatten das besonderes Privileg, ein Vielfaches des Durchschnittsverbrauches an Energie und Rohstoffen zu beanspruchen. Das "privilegierte Fünftel" nahm schließlich in Anspruch, mehr als das Fünffache des Durchschnittes am Anteil wertvoller Energie verbrauchen zu dürfen. Das privilegierte Fünftel der Spezies M. baute zur Aufrechterhaltung der Privilegien systematisch Niveau- und Verbrauchsscheren, wie Nord-Süd und West-Ost auf. Langfristig erwiesen sich diese Scheren als als eine potentielle Gefahr für die globale politisch-ökonomische Stabilität. Auf der anderen Seite waren die Grenzen der ökologisch- ökonomischen Stabilität offenbar schon längst erreicht. Das bewies ein allgemeines Waldsterben, das an Brisanz nur noch durch ein drohendes Meeressterben übertroffen wurde. Die Wachstumsgesetze für die wichtigsten Parameter wie Energie, Bevölkerungszahlen usw., waren vom exponentiellen in ein hyperbolisches Regime übergegangen (Peschel und Mende, 1983; Albrecht und Mende, 1994). Eine Singularität etwa im Jahre 2010 zeichnete sich ab und der Übergang zu einem neuen Wachstumsregime mit Übergang zum Sättigungsverhalten war unabdingbar geworden.

In dieser Situation sind wir heute. Die Existenz der "erfinderischen Spezies" Mensch ist durch eigene Schuld bedroht. Gleichzeitig ist aber auch die Existenz aller lebenden Spezies auf der Erde bedroht. Bevor wir die denkbaren Auswege diskutieren, wollen wir mit einer möglichst nüchternen naturwissenschaftlichen Analyse der Situation beginnen. Betrachten wir zunächst nur die physikalischen Aspekte. Harte Schranken für die weitere Evolution ergeben sich aus physikalischer Sicht insbesondere aus der Begrenztheit der verfngbaren Ströme von wertvoller Energie bzw. von Entropie, aus der zunehmenden Belastung der Umwelt mit Abfallstoffen und aus den Grenzen der Stabilität des ökologisch- ökonomischen Gesamtsystems Erde. Der Strom wertvoller Sonnenenergie, welcher der Erde im Durchschnitt zufließt, beträgt etwa 230 Watt/qm, die gleiche Menge Energiestrom fließt in geringerer Qualität (niedrigere Strahlungstemperatur) wieder in den Weltraum zurück. Dieser Strom treibt fast alles Geschehen der Selbstorganisation auf unserem Planeten an, vom Wetter bis zur Photosynthese; in diesem Zusammenhang wurde von uns im fünften Kapitel der Begriff Photonenmühle geprägt. Der durch die Sonnen-Photonen transportierte Energiestrom entspricht auch einem Entropiestrom, einem Exportstrom von etwa 1 Watt/Kelvin, bezogen auf den Quadratmeter Erdoberfläche. Wenn auf lange Sicht mehr als 1 Watt/Kelvin Entropie pro Quadratmeter Erdoberfläche produziert wird, so wird "Entropie-Müll" angehäuft. Hier liegen die letzten, physikalisch verbindlichen Grenzen des Wachstums. Wenn erst alle "Brennstoffe" verbraucht sein werden, so wird nicht mehr als 230 Watt wertvoller Sonnenenergie pro Quadratmeter als Antrieb zur Verfügung stehen und zwar für alle meteorologischen, biologischen, ökologischen und ökonomischen Prozesse zusammengenommen. Nur etwa ein Fünftausendstel dieses Stromes kommt heute der Photosynthese zugute, d.h. weniger als 1/10 Watt/qm. Wenn jeder der etwa 4 Milliarden Erdenbürger nur einen Strom wertvoller Energie von 1 kW beanspruchen würde, ergäben sich pro qm unseres 12000 km dicken Erdballs schon etwa 1/10 Watt Energiestrom. das entspricht etwa dem, was die Photosynthese zu leisten vermag. Wer täglich zwei bis drei Stunden Auto mit 100 kW Leistung fährt, den Abend am Fernseher verbringt und noch einige andere elektrische Geräte betreibt, kann es leicht auf 200-300 kWh pro Tag bringen, Damit erreicht er im Durchschnitt 10 kW Verbrauch an wertvoller Energie und überzieht sein privates Energiekonto. Er ist ein Schmarotzer der Evolution und lebt auf Kosten anderer Lebewesen. Ein Bürger von Europa hat heute im Durchschnitt eine Verbrauchsleistung von etwa 5-7 kW, ein Bürger der USA liegt noch höher im Verbrauch. Hier sind Einschränkungen unumgänglich, ein weiteres unbegrenztes Wachstum im Verbrauch wertvoller Energie ist schlechthin unmöglich. Nach unserer Auffassung könnte ein weltweiter Verbrauch von mehr als 10 kW pro Bürger der Erde zu einem allgemeinen Kollaps führen. Die zulässige obere Grenze dürfte bei unter 10 kW liegen, sie ist von den Bürgern der industriell entwickelten Staaten, dem privilegierten Fünftel schon erreicht bzw. sogar schon überschritten worden.

Ein besonderes Problem ist die Anonymität der Wirkungen. Stellen wir uns einen normalen Bürger, dem privilegierten Fünftel angehörend, sagen wir den städtischen Angestellten S., an einem normalen Arbeitstag vor. Heute ist S. wieder einmal mit dem Auto ins Büro gefahren, denn gestern beim Stammtisch war es spät geworden. Natürlich blieb er im Stau stecken und kam nur mühsam im "stop-and-go" zum Ziel. Abends nahm er erst ein heißes Bad, um sich zu entspannen, drehte die Heizung auf, weil ihn fröstelte, brachte den Mülleimer und die alten Zeitungen und Reklamesendungen in den Müllcontainer und machte es sich dann mit einigen Bieren vor dem Fernseher bequem. Natnrlich hat unser Freund S. heute sein Energiekonto nberzogen, aber er kann ja die Folgen nicht direkt sehen. Vielleicht hat er einem Kind in der dritten Welt seine Lebensgrundlagen entzogen, vielleicht ist sogar sein eigener Urenkel betroffen. Aber S., der sich "schuldig" gemacht hat, weiß das nicht. Er kann, wegen der Komplexität der kausalen Beziehungen in unserer modernen Welt, auch bei guter Absicht die Spätfolgen kaum übersehen. Vielleicht hat er sogar unbewußt indirekt Menschen getötet, indem er ihnen die Lebensgrundlagen entzogen hat. Aber die Auswirkungen seines "Deliktes" liegen ja erst in der Zukunft und sein Verhalten widerspricht keinem der gültigen Gesetze. So lebt er weiter wie bisher und hat nur ab und zu, nach einem kritischen Kommentar in den Medien oder nach dem Lesen eines Sachbuches, ein dumpfes schlechtes Gewissen.

Ein besonderes Problem ist zur Zeit die Belastung des Energiehaushaltes und des ökologisch-ökonomischen Gleichgewichtes durch den Verkehr. In der Tat ist das ständige Verfrachten von Personen und Gütern mit Autos und Flugzeugen, immer mehr, immer schneller, ein maßloser Raubbau an fossilen Energieträgern und der Qualität unserer Luft. Natnrlich trägt in gewissem Umfange die gewachsenen Mobilität auch zur Erhöhung unserer Lebensqualität bei, z.B. durch die Möglichkeit, im Urlaub fremde Länder und ihre Kultur kennenzulernen. Es gibt aber auch eine total unsinnige Mobilität, etwa wenn Joghurtbecher und Bierflaschen über viele Hunderte von Kilometern über verstopfte Autobahnen zum Verbraucher befördert werden, obwohl gleich nebenan Joghurt und Bier produziert wird. Ein ebenso großes Problem sind die Riesenmengen von Verpackungsmaterialien, die im Müll landen. Eine enorme Belastung für den Energiehaushalt und die Umwelt ist auch die Unmenge Papier, die von der modernen Gesellschaft beschrieben und zum großen Teil sogar ungelesen fortgeworfen wird. Damit meinen wir besonders den Reklamewust und die Masse von Yellow-Press-, Sex- und anderen dümmlichen Produkten. Wir meinen aber auch den immer weiter in unsinniger Weise ansteigenden amtlichen Papierkrieg. Die größte "Sünde" wider alle Vernunft sind natürlich die immer wieder aufflackernden kriegerischen Auseinandersetzungen. Wer fragt schon nach Energieverschwendung, Luftverschmutzung und Verseuchung von Erde und Wasser, wenn egoistische Kriegsziele und Mammut-Gewinne mit Panzern und Bomben verfolgt werden?

Die gutgemeinten Versuche, die Verschwendung von Energie und die insinnige Belastung der Umwelt durch Appelle an die Vernunft zu reduzieren, haben bisher nicht funktioniert. Die gegenwärtige moderne Gesellschaft hat offenbar ihre eigene zwanghafte Dynamik, und Vergeudung all dessen, was verfügbar ist, gehört bisher untrennbar dazu. Das darf aber nicht so verstanden werden, als müsse man schicksalergeben zuschauen. Da das "Sparen wertvoller Energie" bisher nicht befriedigend gelingt, gilt es zunächst noch die denkbaren Reserven zu mobilisieren. Erstens können noch weitere Energiequellen erschlossen werden, z.B. die Gewinnung wertvoller Energie durch Fusion leichter Kerne. Wahrscheinlich wird man etwa nach der Jahrtausendwende auf diesem Wege zu einer gewissen Entlastung der angespannten Bilanzen gelangen. Eine bessere Alternative ist natürlich eine vollständigere Nutzung der Sonnenenergie, die wegen des kleinen Raumwinkels, den die Erde nutzt, zu 99.99999995% gleich auf der kosmischen Müllhalde landet. Denkbar wären z.B. Kollektoren im Weltraum, die das Sonnenlicht auffangen und es zu Laserstrahlen gebündelt, zu den Verbrauchszentren auf der Erde schaffen. Mehr Energie nutzen, heißt natürlich auch, mehr Entropie fortschaffen. Nach unserer Auffassung sind das aber technische Probleme, welche die Menschheit lösen könnte. Zum anderen kann durchaus ein Puffer kurzzeitig stark beansprucht werden, wenn dadurch neue Lösungen entstehen. Wenn z.B. eine zeitweilige Verschwendung der einzige Weg wäre,über Marktmechanismen das Geld zu besorgen, das Wissenschaft und Technologie fnr neue Lösungen benötigt, so kann man dies begrenzt rechtfertigen.

Welche neuen Wege sind vorstellbar? Eine Möglichkeit, die sich bereits abzeichnet, besteht darin, daß in Zukunft durch Nutzung von High-Tech-Kommunikation viele Arbeiten zu Hause ausgeführt werden können. Die täglichen Personentransporte von und zur Arbeit sowie zu Konferenzen rund um die Welt könnten dann stark reduziert werden. Neue Lösungen könnten auch darin bestehen, daß durch neue Technologien (u.a. auch Gentechnologien) der industrielle Energie-Verbrauch zur Herstellung von Waren oder Verwertung von Müll auf einen Bruchteil zusammenfällt. Neue Vor-Ort-Technologien der Herstellung von Nahrungs- und Gebrauchs-Gütern könnten sichern, daß die unsinnigen Transporte von Gütern nber überlastete Straßen reduziert werden. Neue Verfahren des Energie- und Wärme- Transports könnten bewirken, daß auf dem Globus die Verschwendung von fossilen Brennstoffen fnr Heizzwecke erheblich eingeschränkt wird.

Alle diese Ziele liegen hinter einem hohen Potentialwall, sie erfordern Leistungen der Forschung und Entwicklung und Investitionen. Wenn man aber das Saatgut aufißt, solange es noch vorhanden ist, droht der Hungertod, sobald das Saatgut aufgegessen ist. Natürlich bergen die oben angedeuteten Möglichkeiten auch Risiken und Gefahren. Aber schließlich war Evolution immer ein Tasten hinein in einen dunklen Wald. Den Risiken neuer Lösungswege auszuweichen, bedeutet Stagnation, und das ist "kurzfristig die kluge Taktik, aber langfristig die tödliche Strategie". Wir möchten auch zu bedenken geben, daß die Dinge durchaus nicht immer auf den ersten Blick hin beurteilt werden können. Denken wir an den Satz aus dem "Faust": "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft!" Bisher hat die Evolution durch unerwartete Wendungen stets neue Lösungen gefunden, sie wird auch fnr unsere Zukunft Lösungswege bieten. Es kommt nur darauf an, daß wir sie erkennen und durchsetzen.

Noch dramatischer als den steigenden Energieverbrauch sehen wir die ständige Vergiftung der Atmosphäre und des Ozeans durch Abfallstoffe, die sowohl unsere Lebensgrundlage (Nahrungsketten, Primärproduktion) als auch unmittelbar uns selbst (Allergien, Krebs, Baumsterben) bereits jetzt hart schädigt. Geschlossene Produktionszyklen, die Wasser und Luft nur intern umwälzen, aber keine Schadstoffe freisetzen, sind hier die einzige Lösung. Wir denken an Motoren, die Wasserstoff verbrennen, an Städte, die alle Waschmittel aus dem Abwasser filtern usw.. Diese Lösungen sind, auf dem heutigen Stand der Technik, Energiefresser. Wo liegt also das größere Problem, bei der Energie oder der Umweltbelastung? Wahrscheinlich ist das zweite Problem das noch schwierigere. Auf jeden Fall würden neue Wege bei der Gewinnung wertvoller Energieformen auch neue Lösungen für das Vermeiden von Umweltbelastungen erschließen.

Als besonders dringend betrachten wir das Problem des Bevölkerungswachstums auf unserem Planeten. Wir beobachten, daß es in dieser Frage keinerlei Konsensus gibt, daß Weltorganisationen und die meisten Staaten ratlos zusehen und daß erste Ansätze auf die Kritik und den Widerstand mächtiger Institutionen stoßen. Bei so heiklen Fragen ist es für den Einzelnen unmöglich, neue moralische Grundsätze zu formulieren, nur die Gesellschaft als Ganzes könnte dazu in der Lage sein. Eines dürfte aber feststehen: Wenn die Weltgesellschaft dieses Problem nicht lösen wird, und so sieht es im Moment aus, wird die Natur es tun. Sie tut es seit Millionen Jahre mit Überpopulationen. Ob Hunger, Cholera, Pest oder nun AIDS, die Natur ist da erfinderisch und keinesfalls zimperlich. Das Verhindern vernünftiger Lösungen bedeutet möglicherweise millionenfaches Sterben in künftigen Generationen.

12.2 Gibt es Gebote für die Gestaltung der Zukunft?

Der bekannt Zukunftsforscher Ossip Flechtheim hat die Frage aufgeworfen: "Ist die Zukunft noch zu retten?". Flechtheim analysiert aus seiner Sicht die möglichen, wahrscheinlichen und wünschenswerten "Zukünfte" der menschlichen Gesellschaft und ihrer natürlichen Umgebung auf unserem Planeten (Flechtheim, 1990). Die von Flechtheim aufgeworfenen Fragen stehen im Zusammenhang mit Grundfragen der Selbstorganisation und Evolution. Die bestehenden Disproportionen sind das Resultat einer ungebremsten Selbstorganisation und einer unkontrollierten Instabilität, für die hauptsächlich der Mensch und die von ihm geschaffenen technischen und ökonomischen Systeme verantwortlich zeichnen. Im letzen Abschnitt haben wir bereits einige Ideen skizziert, wie man Abhilfe schaffen könnte. Der entscheidende Wandel muß darin bestehen, daß sich der Erfindungsreichtum der Evolution des Menschen nicht mehr auf die Optimierung des kurzfristigen Komforts sondern auf das Finden von langgfristigen Auswegen aus der Krise richtet. Dafür gibt es allerdings, wie die Geschichte der Evolution lehrt, keinen Königsweg. Die überlebensichernden Wege in die Zukunft waren niemals vorprogrammiert, sie müssen auch in der gegenwärtigen Krise in einem langwierigen adaptiven Suchprozeß aus einer riesigen Diversität potentieller Möglichkeiten erst gefunden werden. Immerhin sollten wir auch nicht in den Fehler verfallen, die Situation als hoffnungslos darzustellen.

Auf jeden Fall sollte auch die Theorie der Selbstorganisation und die Chaosforschung mit herangezogen werden, um Wege zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft der Menschheit zu weisen. Daran ändert auch nichts, daß die bestehenden Disproportionen das Resultat einer ungebremsten Selbstorganisation und unkontrollierter Instabilitäten sind. Nach unserer Auffassung können nämlich Instabilitäten oder der chaotische Charakter der Entwicklung auch eine positive Rolle spielen. Einige Gedanken dazu wurden bereits dargelegt.

Unser Vorschlag einer Strategie für die "Rettung der Zukunft" lautet: Eingeschränkte Selbstorganisation und entfaltete Diversität in Verbindung mit Toleranz und Weitblick sind Gebote fnr die Gestaltung der ökologisch-ökonomischen und sozio-kulturellen Zukunft. In vereinfachter Form lauten die Gebote, die das Resultat unserer Überlegungen sind:

1. Gebot: Jedermann ist verpflichtet, sich an einen ökologisch vertretbaren Durchschnitt der Produktion von Entropie zu halten. Die Überschreitung eines ökologisch vertretbaren Durchschnitts im Verbrauch wertvoller Energie (bzw. in der Produktion von Entropie) ist eine "Todsünde". Sie ist von der Gesellschaft mit progressiv steigenden hohen Kosten zu belegen.

2. Gebot: Jedermann ist verpflichtet, die natürliche Umwelt zu erhalten und zu schützen. Jede ökologisch unvertretbare Umweltbelastung ist eine existenz-bedrohende "Todsünde" und ist von der Gesellschaft ebenfalls mit hohen Kosten oder Strafen zu belegen.

3. Gebot: Jedermann ist verpflichtet, der Sicherung der Lebensqualität künftiger Generationen höchste Priorität zu geben. Das Wachstum der Weltbevölkerung und ihres gesamten Umsatzes an Energie und Rohstoffen muß auf freiwilliger Basis auf das energetisch-ökonomisch Mögliche und ökologisch Verträgliche beschränkt werden.

4. Gebot: Jedermann ist verpflichtet, auf der Basis beschränkter thermodynamischer Ströme, Diversität in jeder Hinsicht, beginnend von der Vielfalt der biologischen Arten bis hin zur Vielfalt im ethnischen, sprachlichen, sozialen, geistigen und kulturellen Bereich zu fördern. Egoistische Expansion und Beschränkung von Diversität ist durch die Gesellschaft zu bestrafen. Jede Form von Kolonialismus im ökonomischen, ökologischen und besonders auch im kulturellen Bereich ist eine "Sünde".

5. Gebot: Jedermann ist verpflichtet, Kreativität, Innovativität und Suche nach neuen Lösungen ist in jeder Hinsicht zu fördern. Intoleranz, welche die Kreativität der Anderen einschränkt und alles über einen Leisten schlägt, ist eine "Sünde". Gesetzliche Regelungen und ökonomische Mechanismen, welche die Innovativität der Gesellschaft einschränken, sind selbstmörderisch, sie müssen durch positive Mechanismen ersetz werden.

Die soweit formulierten Gebote tragen weitgehend den Charalter moralischer Imperative, sie sind demzufolge ohne ergänzende Gesetze oder Vorschriften ziemlich unverbindlich. Die ersten drei der obigen Gebote haben mit der Beschränktheit der natürlichen Ressourcen zu tun. Die folgenden zwei Gebote sollen trotz der notwendigen Beschränkungen eine Vielfalt von möglichen Wegen in die Zukunft und entsprechenden Lösungsmöglichkeiten für Probleme offenhalten.

Eine Kernfrage ist, wer wird die Einhaltung solcher "Gebote" kontrollieren und welche Gremien sind für die Beschlußfassung über Regeln mit Gesetzescharakter zuständig. Schwer vorstellbar, aber immerhin denkbar wäre, daß internationale Organisationen wie die UNO solche Aufgaben übernehmen. Das wäre dem globalen Charakter vieler Probleme angemessen. Insbesondere sind das Artenproblem, das Klimaproblem und das Problem einer gerechteren Verteilung der Ressourcen unseres Planeten nur im globalen Maßstab lösbar. Nehmen wir als ein Beispiel die Ressourcenverteilung. Heute leben in den hoch entwickelten Industriestaaten etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung. Das privilegierte Fünftel nimmt derzeit etwa 80 Prozent der Ströme von Rohstoffen und wertvoller Energie in Anspruch. Ein hypothetischer Beobachter, der unsere Erde von einem Standpunkt außerhalb betrachtet, würde dieses Verhältnis als geradezu grotesk, auf jeden Fall als langfristig instabil, ansehen. Er würde dazu raten, diese extremen Unterschiede gezielt abzubauen und einen stabileren, gerechteren Zustand anzustreben. Wie wir wissen, steigen aber zur Zeit die Gradienten eher noch an, als daß sie abgebaut wnrden. Man stelle sich vor, innerhalb eines Landes wären solche Gradienten vorhanden, langfristig wären extreme Spannungen und Ausandersetzungen programmiert. Offenbar werden die reichen 20 Prozent der Weltbevölkerung ihre Privilegien nicht ohne weiteres freiwillig aufgeben. Aber auch im globalen Maßstab führen so große Gradienten zu Instabilitäten, die irgendwann in eine neue Ordnung umschlagen werden. Vorboten dieses unvermeidlichen Umschlagens sind die ansteigenden Wanderungsbewegungen, und die zum Teil feindlichen Reaktionen in den Immigrationsländern, die wir heute beobachten. Die unterprivilegierte Mehrheit versucht individuell, d.h. durch Immigration in ein privilegiertes Land den Sprung in das privilegierte Fünftel zu schaffen.

Ob das Umschlagen in eine gerechtere ökonomische Weltordnung revolutionär oder evolutionär erfolgen wird, vermag niemand vorherzusagen. Wünschenswert wäre auf jeden Fall eine friedliche Lösung durch eine gerechtere globale ökonomische Politik, welche die gefährlichen Gradienten langsam abbaut. Aus der Sicht einer globalen Synergetik wären alle Mechanismen positiv zu bewerten, welche die Ströme von Rohstoff und Energie abbremsen und Transporte teurer machen. Das hört sich einfach an, dürfte aber im globalen Maßstab nur sehr schwer durchsetzbar sein.

Schon 1971 hat bekanntlich der "Club of Rome" die "Grenzen des Wachstums" verknndet. Die Warnung dieses Zusammenschlusses von Wissenschaftlern, Industriellen und Politikern lautete, daß Energie und Rohstoffe verschwendet und die Dritte Welt ausgebeutet wnrde. Diese Warnung wurde seinerzeit noch als exotisch und überspitzt betrachtet. Heute sind die Thesen des Clubs schon weitgehend Bestandteil des allgemeinen Gedankengutes geworden. Auf der 25. Jubiläumstagung 1994 in Hannover beschäftigte sich der Club mit der Zukunft Europas. Es wurde unter anderem gefordert, den Lebensstandard zwischen Ost- und Westeuropa bis zum Jahre 2020 anzugleichen. Auch wurde verlangt, Energie und Rohstoffe teurer und menschliche Arbeitskraft kostengünstiger zu machen.

Viele der angesprochenen Probleme können zunächst im Maßstab einzelner Länder angepackt werden. So könnte man an spezielle Ökosteuern denken, die vom Staat auf Energie- und Rohstoffverbrauch sowie Transporte und Umweltverschmutzung erhoben werden. Zum Ausgleich könnte der Staat die Abgaben für die Beschäftigung von Arbeitskräften senken. Aus der Sicht einer allgemeinen Synergetik der gesellschaftlichen Prozesse würden solche Schritte, wenn sie maßvoll angegangen werden, mit einiger Sicherheit eine positive Wirkung erzielen.

Wir hoffen, den Leser in den voranstehenden Kapiteln davon überzeugt zu haben, daß komplexe Systeme in der Regel nur wenige Ordnungsparameter haben, an denen eine Steuerung anzusetzen hat. Der Versuch der bewußten Steuerung sollte möglichst einfache Mechanismen verwenden, um nicht riskante Instabilitäten auszulösen. Es darf nicht übersehen werden, daß Instabilitäten unter Umständen dramatische Konsequenzen haben könnten, die nur begrenzt vorhersagbar sind. Mit jeder Steuerung gesellschaftlicher Prozesse sind Risiken verbunden. EineÜbersteuerung kann katastrophale Konsequenzen haben, wie uns der Zusammenbruch des Gesellschaftssystems in Osteuropa gerade demonstriert hat. Aus diesem Grunde ist auch von Steuerversuchen durch ein "Übermaß von Staat", d.h. durch eine Menge von Leitungsebenen, durch komplizierte Regelwerke und eine Fülle bnrokratischer Maßnahmen, dringend abzuraten.

Wegen der in diesem Buch geschilderten Besonderheiten komplexer Systeme und ihrer stets gefährdeten Stabilität ist eine vorsichtige Steuerung anzuraten. Statt dramatischer Eingriffe ist es auf jeden Fall viel risikoloser, ein richtiges Verhalten durch ganz einfache Mechanismen zu erreichen. Auf jeden Fall mnssen die neu zu schaffenden Regelmechanismen an den Ordnungsparametern angreifen. Wie wir gezeigt haben, sind Werte die zentralen Ordnungsparameter in biologischen und gesellschaftlichen Systemen. Der Ansatz, über Kosten, Steuern und moralische Werte Einfluß auf das Verhalten zu nehmen, scheint uns daher am aussichtsreichsten zu sein. Wir wollen damit nicht den Eindruck erwecken, daß die Lösungen der Probleme heute schon bekannt sind. Um Lösungen zu finden, die einfach und effektiv sind, sind interdisziplinäre Forschungsarbeiten erforderlich. Weiterhin sind zweifellos Experimente notwendig. Man muß den Mut zu Experimenten mit neuen Regelmechanismen aufbringen und sollte erfolglose Versuche nicht vorschnell abbrechen. Es sollte niemals vergessen werden, daß es hier nicht um spezielle Interessen, sondern um das Überleben des Menschen und seiner Umwelt auf der Erde geht.

So wie in der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit in einem schöpferischen Prozeß die Verhaltensregeln gefunden wurden, die ein Überleben als Gruppe, Familie, Dorf, Stadt oder Staat ermöglichten, so ist auch heute eine gewaltige schöpferische Anstrengung der Menschheit erforderlich. Hier ist besonders die junge Generation gefragt, von der wir hoffen, daß sie neue Ideen entwickeln wird und verkrustete Strukturen aufzubrechen in der Lage ist.

Fassen wir die wichtigsten Ideen noch einmal zusammen: Die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft fnr unsere Kinder, Enkel und Urenkel erfordert neue Formen der Selbstorganisation des menschlichen Zusammenlebens und der Wechselwirkung mit der Natur. Wachstum ist von der quantitativen Ebene auf die qualitative zu verlagern, von sinnloser verschwendung der Ressourcen auf die Entwicklung von Diversität und Innovativität. Die gesellschaftliche Selbstorganisation erfordert Einschränkungen durch Regelmechanismen, welche an den Ordnungsparametern angreifen. Auch die notwendigen und unvermeidlichen Instabilitäten erfordern eine gewisse Steuerung. Zukunft durch eingeschränkte Selbstorganisation und kontrollierte Instabilität heißt Diversität der Arten und Bewegungsformen, Denk- und Lebensweisen auf dem Hintergrund einer Selbstbeschränkung der thermodynamischen Kosten und der Belastung der natnrlichen Umwelt, heißt Kreativität und Toleranz, heißt Einhaltung neuer moralischer Gebote und staatlicher bzw. globaler Gesetze.

Die überlebensichernden Wege in die Zukunft nicht vorprogrammiert, sie müssen in einem langwierigen adaptiven Suchprozeß aus einer riesigen Diversität potentieller Möglichkeiten, durch Bewertung und Optimierung erst gefunden werden. Mit anderen Worten: Aus der Sicht der vorstehenden Betrachtungen erfordern "wünschenwerte Zukünfte"

Abschließend muß bemerkt werden, daß die meisten der hier diskutierten Probleme von endgültigen Lösungen noch weit entfernt sind. Man darf aber hoffen, daß durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit vieler Wissenschaften und insbesondere durch einen schöpferischen Beitrag der jungen Generation entscheidende Fortschritte erzielt werden können. Wegen der Besonderheiten komplexer Systeme ist es sicher grundsätzlich unmöglich, die Zukunft unseres Planetes zu steuern und zu planen. Die Zukunft dem Selbstlauf zu überlassen, wäre allerdings unverantwortlich gegenüber unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Ein moralischer Imperativ verpflichtet uns, auf der Basis der verfügbaren Kenntnisse, an der Gestaltung der Zukunft unseres Planeten aktiv mitzuwirken, denn wie Dürrenmatt einmal sagte:

Was alle angeht, können nur alle lösen

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